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Thursday, September 3, 2020

Streitfall Bernhard Schlink: Zu viel Kitsch im Bestseller? - BR24

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Schlink ist, und das beweisen gerade die kurzen Erzählungen dieses Bandes, ein ausgesprochen geschickter Konstrukteur. In kürzester Zeit weiß er seine Figuren in Situationen zu verstricken, die einen sofort berühren und neugierig machen: Woher kommt die Angst, das schlechte Gewissen dieses Mannes? Wonach sehnt sich die Frau in der lieblosen Ehe, was will sie spüren, wie berührt werden?

Und was verbindet den alten Mann am Fenster nun mit Anna, der ermordeten jungen Frau, die er kannte, seitdem sie als kleines Mädchen auf der Straße spielte? Zitat: "Immer kehrte mein Blick zu Anna zurück. Sie tobte mit und lärmte mit und hatte doch eine Aura um sich. (…) Ob sie anführte oder mitspielte, entkam, sich fangen oder finden ließ, den Ball fing oder ihm auswich – in ihren Bewegungen lag ein solcher Liebreiz oder auch eine solche Hoheit oder auch eine solche Verführung, dass ich manchmal auf die Straße ging und etwas aus dem Auto holte oder im Laden besorgte, nur um sie aus der Nähe zu sehen. Wenn sie dann aufschaute und mich erkannte und anlächelte!"

Sprachlich ist alles ganz sanft

Inhaltlich steht alles auf dem Spiel, Moral und Gefühle, in jedem Satz. Sprachlich aber – und vielleicht liegt genau darin Schlinks Reiz – sprachlich geht alles ganz sanft zu. Wer ein Buch Schlinks liest, spürt das sofort: Die etwas altmodische Sprache, vor allem aber die Fügung der Sätze: Satzglieder, Sätze, ganze Satzfolgen sind da gleichmäßig gebaut: "Für ein paar Takte wurde die Musik ruhiger, und sie probierten einander aus, er, wie sie sich halten und drehen ließ, wie sie sich löste und näherte, wie sie sich verweigerte und umwerben und einfangen ließ, sie, wie sicher er sie führte, wie verlässlich er wusste, was sie wollte, und es ihr gab oder sie mit etwas anderem, Schönerem überraschte."

Das Spiel mit Gleichklang und Gleichförmigkeit in Sprachmaterial und Satzbau kombiniert Schlink mit der ständig wiederkehrenden Reihung von Adjektiven. Die beiden Figuren zum Beispiel tanzen wahlweise "zeit- und ortsvergessen, publikumsvergessen, selbstvergessen", die Musik in einer Geschichte ist "leicht, verspielt, wehmütig, vielleicht Schumann", ein Gesicht wirkt "erhitzt, glühend, schwitzend", ein Junge übt Bachs Suiten "gewissenhaft und ausdauernd und ausschließlich".

Größte sprachliche Routine

Vielleicht bräuchte es gar nicht immer drei oder vier Beschreibungen, aber die Gleichmäßigkeit sorgt für diesen besonderen Rhythmus, der die Leser fängt und trägt und hält. Das ist das Versprechen seit dem "Vorleser". Schlinks Geschichten erzählen vom Durchgeschüttelt-Werden der Figuren, sie konfrontieren Leser mit existenziellen Fragen, aber sie selbst, ihre Sprache, ihre Sätze, sind weit davon entfernt, durchgeschüttelt zu werden. Das sprachliche Gefäß für unterschiedlichste Nöte und moralische Dilemmata ist immer ganz ähnlich. Das ist eine Kunst, zugegeben, aber gleichzeitig ist es doch verstörend, wenn ein Autor dem existenziellen Durcheinander seiner Figuren mit größter sprachlicher Routine begegnet.

Bernhard Schlink: "Abschiedsfarben", erschienen im Diogenes-Verlag für 24 Euro.




September 03, 2020 at 05:46PM
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Sanft

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