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Saturday, July 11, 2020

Das vierte Reich von Neil Labute im Schauspiel Hannover - Hannoversche Allgemeine

narasilama.blogspot.com

Jetzt ist es quasi amtlich. Wir Hannoveraner sind ein braves Publikum. Und das sagt nicht irgendwer. Das sagt eine Regisseurin, die aus

Hannover stammt.

Aber ob es deswegen stimmt?

Freitagabend war wieder

Hoftheater hinter dem Schauspiel Hannover, der kalte Wind kurvte erbarmungslos zwischen den Gemäuern umher, doch noch erbarmungsloser war das Stück. Es war sehr leise. Sehr freundlich. Es war geradezu sanft. Und unter dieser Oberfläche lag die tiefste Düsternis, die man sich vorstellen kann: die in uns selbst.

Ohne Schubladen

„Das Vierte Reich“ heißt das Stück, verfasst hat es der Amerikaner

Neil LaBute, gespielt wird es von einem einzigen Schauspieler, Sebastian Nakajew, ein Gastspiel des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Regie: Swaantje Lena Kleff, freie Regisseurin aus Hannover. Wer LaBute ein bisschen kennt (in Hannover wurde unter anderem 2002 „Das Maß der Dinge“ gespielt, mit der unvergleichlichen Anne Ratte-Polle, die leider nicht mehr da ist, und 2005 „Fettes Schwein“ mit einer grandiosen Sabine Orléans, die glücklicherweise wieder da ist), weiß, dass er ein Spezialist für Abgründe ist. Im „Vierten Reich“ erzählt ein Mann von seiner Hitler-Verehrung.

Würde er mit Glatze und Stiefeln auf der Bühne stehen und von der Auschwitzlüge faseln, dann hätten wir gleich unsere Schublade und würden ihn reinstecken und vergessen. Aber

Sebastian Nakajew kommt höflich, fast artig, als biederer bebrillter Durchschnittsnachbar daher, blauer Strickpullunder und graue Jeans und braune Schuhe zeugen von der weit verbreiteten männlichen Fähigkeit, Klamotten anzuziehen, die gerade so eben nicht zusammenpassen: ein Normalo. Und der sagt: „Hitler hat den Krieg verloren.“ In einem Tonfall, dass alle nicken. „Und wurde damit einer der am meisten verleumdeten Menschen der Welt.“ Und man weiß eine Sekunde später nicht mehr: Hat man eben auch noch genickt?

An der Kante der Ironie entlang schlitternd: Sebastian Nakajew. Quelle: Michael Wallmüller

Der Mann parliert, sagt lächelnd, ja, Hitler habe „ein paar Fehler gemacht“, aber er habe auch „sein Land groß gemacht“. Er habe zudem „ein paar sehr schlaue Sachen“ gesagt.

Nakajews Charakter macht sich lustig über die Briten und „Fronkreisch“, und er verdreht die Augen, während er, mit einer Stimme, die auf der Kante der Ironie entlang schlittert, von den „heiligen sechs Millionen“ ermordeten Juden spricht. Hitler sei kein Monster gewesen, sondern ein Künstler, ein Landschaftsmaler. „Er war nicht böse. Das Böse existiert gar nicht.“

Das Böse in uns

Und genau das ist der Angelpunkt. Das Böse existiert sehr wohl. Es steckt in solchen Sätzen, die so freundlich daherkommen und uns dabei in eine bestimmte Richtung schieben, fast harmlos, behutsam, und deswegen um so grausamer. Hitler hat schlaue Sachen gesagt? Nein, er war ein strunzdoofer Verschwörungstheorieabschreiber. Er hat

Deutschland groß gemacht? Nein, er hat es bis ans Ende aller Generationen traumatisiert mit seiner Großmannssucht, die nur aus einem Selbstbewusstsein kommen kann, das die Ausmaße einer Amöbe besitzt. Natürlich hatte er auch Ängste und Sehnsüchte, der Arme, wahrscheinlich bestand er daraus. Aber er hat das mit Gewalt auf Kosten anderer kompensiert.

Und das Böse, das steckt auch in den Deutschen, die ihm dabei applaudiert haben. Und es steckt in uns, wenn wir diesem Mann auf der Bühne zuhören und ihm und seinem Gerede folgen.

„Wir lassen uns einlullen“: Publikumsgespräch mit Regisseurin Swaantje Lena Kleff, Schauspieler Sebastian Nakajew und Mikis Rieb von der Landeszentrale für politische Bildung. Quelle: Michael Wallmüller

Das wird in der Diskussion deutlich, die sich an das Stück anschließt und länger dauert als die Vorstellung selbst. Regisseurin

Kleff erzählt von Aufführungen anderswo, in denen Zuschauer dazwischen gegangen seien. Mikis Rieb von der niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung sagt, der Text lulle die Menschen sehr geschickt ein: „Ehe wir uns versehen, sind wir tief drin.“

Stimmt. Und deswegen trägt das Stück wahrscheinlich mehr als jede Geschichtsstunde zur Aufklärung über Faschismus bei: Es erwischt uns bei unseren Gefühlen und unseren Nachlässigkeiten.

Regisseurin

Kleff irrt also wahrscheinlich. Die Zuschauer im Hoftheater waren wohl eher sprachlos als brav, weil sie mit ihren eigenen Empfindungen beschäftigt waren. Und das ist wirksamer als schablonenhafte Empörung, die uns selbst gleich wieder reinwäscht. Sebastian Nakajew musste am Ende des Monologs ausdrücklich sagen, dass das Stück vorbei ist, und dann dauerte es immer noch, bis der Applaus kam, und er blieb zögerlich und dünn, obwohl fast alle die Aufführung sehr gut fanden und vermutlich lange nicht vergessen werden.

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Von

Bert Strebe


July 11, 2020 at 08:12PM
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Sanft

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